Probleme
Als Kulturfolger und verwildertes Haustier sind Stadttauben an den Menschen gewöhnt und halten sich oft an belebten Plätzen auf. Sie suchen Essbares an Bahnhöfen, in Fußgängerzonen und der Außengastronomie. Sie brüten auf Mauervorsprüngen, Fensterbänken und Balkonen. Sie sind ein Teil des urbanen Stadtbilds.
Doch wo Mensch und Tier sich den Lebensraum teilen, kommt es nicht selten zu Konflikten. Werfen wir einen Blick auf das tägliche Leid der Stadttauben in unseren Städten.

Eine Stadttaube erzählt, wie es sich anfühlt, von allen gehasst zu werden.
Ich habe Hunger …
Als reine Körnerfresser finden Stadttauben in Städten kaum artgerechtes Futter. Aus der Not heraus fressen sie den Müll von der Straße: Pommes, Gyros, Brotkrümel und Erbrochenes gehören nun zu ihrem Speiseplan. Die ständige Fehl- und Mangelernährung verursacht bei den Tieren Durchfall, den sogenannten Hungerkot.
Kein schöner Anblick, dennoch zerstört Taubenkot nicht – wie fälschlicherweise oft angenommen – Bausubstanz. Dies bestätigt ein Gutachten der Technischen Universität Darmstadt aus dem Jahr 2004. Der Kot artgerecht gefütterter Tauben ist rund geformt, fast trocken und sehr gut zu entfernen.
Ich habe Schmerzen …
Stadttauben sind Tiere, die sich häufig zur Futtersuche am Boden aufhalten. Dabei laufen sie, mehr als andere Arten, auch auf Asphalt oder Beton direkt im Stadtgebiet. Daher kommt es leider häufig dazu, dass sich Taubenfüße in menschlichen Abfällen wie Haaren, Wollfäden oder reißfesten Nylonschnüren verheddern. Je länger eine Verschnürung besteht, desto schlimmer sind die Auswirkungen: Die Fäden wachsen ein, Entzündungen, schmerzhafte Fehlstellungen bis hin zum Verlust einer Zehe sind die Folgen. Sind bereits mehrere Zehen auf diese Weise abgestorben, ist das betroffene Tier so stark eingeschränkt, dass dies sogar zum Tod führen kann.
Ich bin krank …
Geschwächte und unterernährte Stadttauben tragen leider zahlreiche Parasiten und Krankheitserreger in sich. ABER: Diese sind zum größten Teil tauben- oder vogelspezifisch und für den Menschen daher harmlos. Namhafte Institutionen wie das Robert Koch-Institut, das Bundesinstitut für Risikobewertung sowie der ehemalige Präsident des Bundesgesundheitsamtes, Prof. Dr. Dieter Großklaus, haben klar festgestellt, dass eine gesundheitliche Gefährdung durch Tauben nicht größer ist als die durch Zier- und Wildvögel sowie durch Haustiere wie Hunde und Katzen.
Ich muss brüten …
Stadttauben brüten im Gegensatz zu Wildtauben ganzjährig. Ihre Hauptbrutzeit liegt zwischen März bis ca. Oktober, aber auch Bruten im Winter sind leider nicht ungewöhnlich. Sie brüten teilweise bis zu sechs Mal im Jahr (manchmal sogar noch öfter). Durch den angezüchteten Brutzwang brüten Stadttauben unabhängig vom Nahrungsangebot. Nachweislich brüten auch hungernde Tiere, die nicht in der Lage sind, ihre Nestlinge zu versorgen. Ein Fütterungsverbot hat also keine Populationseindämmung durch geringere Vermehrung zur Folge, sondern führt nur zum Verhungern der Jungtiere. Auch die Versuche mancher Städte, dem „Stadttaubenproblem“ durch Tötungsmaßnahmen entgegen zu wirken, stellen nicht nur einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar, sondern führen lediglich zu einer Verjüngung des Bestandes. Populationsverluste werden mit höherer Fruchtbarkeit und Vermehrung beantwortet, so dass der Ausgangszustand bald wieder hergestellt ist.
Ich darf mich nirgends ausruhen …
Eine sehr kostenintensive und dementsprechend für Schädlingsbekämpfungsfirmen lukrative Möglichkeit Tauben zu vertreiben, sind „Vergrämungsmaßnahmen“ wie z. B. Spikes und Netze, die – sind sie unfachgerecht angebracht oder werden nicht regelmäßig kontrolliert – (auch andere) Tiere schwer verletzen, oder sogar töten können. Eine tierschutzgerechte Maßnahme sind Schrägbleche (sog. „Bird-Slides“). Diese rostfreien Bleche im 45-Grad-Winkel verhindern, dass sich die Tiere auf Fensterbrettern, Simsen und Vorsprüngen niederlassen, da Tauben nur auf geraden Flächen sitzen können.
Bitte jag mich nicht!
Viele Kinder haben Spaß daran, Tauben immer wieder aufzuscheuchen und zu jagen und werden oft von ihren Eltern noch dazu animiert. Für die Tauben ist dieser „Spaß“ nicht harmlos. Sie sind erschöpft von der Nahrungssuche, haben wenig Energiereserven, sind geschwächt von Parasiten und werden oft noch getreten, wenn sie nicht schnell genug flüchten können.
Eine empathische, kind- und tiergerechte Methode, die Tauben ganz nah zu erleben und zu beobachten, ist sie mit artgerechtem Futter zu versorgen, z. B. mit geschälten Sonnenblumenkernen.
Der Alltag von Stadttauben ist geprägt von Hunger, Schmerz und Leid.
Kann das tierschutzgerecht sein?
